Nicht immer ist Blut dicker als Wasser

13. März 2026 0 Von Roy

Ich sitze hier gerade mit schwitzigen Händen und einer Flut an Gefühlen, weil mich das hier echt Überwindung kostet aber ich habe das Gefühl diesen Beitrag schreiben zu müssen und das schon sehr lange. Das Problem war aber allerdings immer das meine Geschichte logischerweise nicht nur mich betrifft, sondern auch meine ”Familie”. Ziemlich ironisch oder? Ich habe jahrelang Rücksicht auf meine ”Familie” genommen, die schon lange keine ”Familie” mehr ist.

Nun habe ich auch mit dem letzten Teil meiner ”Familie” gebrochen und was soll ich sagen? Es war schon lange notwendig gewesen und es fühlt sich verdammt gut an. Für viele Menschen die eine relativ intakte Familie haben wird das hier wahrscheinlich total der Schock sein, aber es ist okay mit seiner ”Familie” abzuschließen, wenn sie einem nicht gut tut und genau das habe ich getan. Das auch aus gutem Grund.

Familie heißt nicht, dass man eine Fassade aufrecht erhalten muss, die es nicht gibt. Sehr viele Familien tun aber genau das. Wenn es etwas gibt, was ich schon immer gehasste habe, dann so zutun als wäre alles gut, obwohl es das nicht ist. Tue ich auch heute immer noch nicht. Ein Grund warum ich unsere Gesellschaft auch immer noch verachte, aber das gehört in einen eigenen Beitrag.

Wir müssen um mich ein bisschen besser zu verstehen ein bisschen früher anfangen. Meine ”Familie” zerbrach damals, als ich 6 Jahre alt war. Für die Menschen aus meinem Kuhkaff war allerdings schon vorher klar, dass meine Familie zerbrechen wird und sie haben auch keine Gelegenheit ausgelassen mir das klar zu machen. Wo ich mich heute echt frage, wie konntet ihr bitte so abgefuckt sein? Okay, wenn ich mir so anschaue, was aus diesen Leuten heute geworden ist, habe ich meine Antwort. Es ist dennoch krass einen kleinen Jungen so zu verletzen. Kinder die mit Eltern aufwachsen die Suchtkrank sind, wissen was ich durchmachen musste. Gewalt, sowohl psychisch als auch körperlich waren an der Tagesordnung. Der Ort an dem man eigentlich sicher sein sollte, war die absolute Hölle für mich, wobei ich mir Sicher bin, das selbst die Hölle ein Scheiß dagegen war, was ich durchmachen musste. Die Zeichen das meine Familie zerbrach wurden aber auch mir irgendwann immer deutlicher und somit natürlich auch die Angst.

Was mache ich, wenn den Halt in meinem Leben verliere? Wie soll ich das alleine schaffen? Ich hatte einfach nur noch Angst und wurde da bereits zu dem stillen Jungen, der eine Angst vor so ziemlich alles und jedem entwickelt hat, Wie hätte es denn auch anders sein sollen? Ich hatte doch niemanden mehr, der mir irgendwie Sicherheit geben konnte. Bereits als Kind fing das Mobbing im Kindergarten schon an, weil meine Eltern sich auch auf offener Straße angegangen sind das vom aller feinsten. Alle im Dorf kannten mich und meine Geschichte. Ich habe mich so machtlos gefühlt, weil ich als Kind nichts dagegen tun konnte. Wir waren das Entertainment des Dorfes und alle haben faszinierend zu geschaut, wie bei mir alles den Bach runter ging. Glaubt ihr irgendwer war für mich da? Am Arsch. Alle haben mir natürlich immer schön ungefragt ihre Meinung in Gesicht gesagt. Kinder können so unfassbar scheiße sein, ehrlich. Passt bitte darauf auf, dass eure Kinder nicht so werden. Was macht also ein kleiner Junge, dem von Anfang signalisiert wird, dass er unerwünscht ist? Genau. Er wird still und versucht irgendwie zu überleben. So hat es sich zumindest angefühlt. Die scheiß Konsequenzen spüre ich heute als Erwachsener immer noch zu gut.

Lange Zeit dachte ich das alle Kinder das Gleiche erleben wie ich. Ich kannte ja nichts anderes. Aber ich merkte schnell, dass es wohl auch Familien gibt, die sich lieb haben und füreinander da sind. Für mich leider nur eine Wunschvorstellung. Ich wusste da bereits das ich diese Erfahrung mit meiner ”Familie” nicht machen werde. Im Mai 2003 war es dann soweit und meine Eltern ließen sich scheiden. Auf der einen Seite der absolute Horror aber auf der anderen Seite irgendwie auch eine Art Erleichterung. Die allerdings schnell wieder vorbei war, weil mein Vater mit meiner Halbschwester und mir komplett überfordert war und noch mehr gesoffen hat, als vorher. Dazu kam noch, dass ich mich nie angepasst habe, nur um gemocht zu werden, was seinen Hass auf mich deutlich verstärkte, was mir aber dermaßen am Arsch vorbei ging. Heute frage ich mich, wie es geschafft habe so stark zu sein. Ich habe so dermaßen Respekt vor meinem kleinen Ich. Ich kenne bis heute niemand der so stark ist, wie mein kleines Ich damals sein musste. Hat immerhin etwas positives.

Mir geht es hier nicht darum, dass ich Mitleid haben will, das habe ich nicht nötig. Mir geht es eher um Aufklärung und darum, dass wir uns bewusst machen sollten, dass es hinter der Kulissen oft ganz anders aussieht, als wir denken. Vielleicht dient es auch ein Stück dafür meinem kleinen Ich zu danken, weil er soviel durchmachen musste und ich heute trotz der ganzen Scheiße sagen kann und das mit mehr Stolz als die meisten Menschen: Fuck it! Ich habs trotzdem geschafft Bitches! Das kann mir auch niemand mehr nehmen!

Ganz lange habe ich die Verantwortung für alles übernommen was mit meiner ”Familie” zutun hat und habe sie sogar immer in Schutz genommen, weil ich ganz lange die Hoffnung hatte, dass wir irgendwie die Kurve kriegen und doch noch eine richtige ”Familie” werden. Ich habe mich jahrelang um meinen Vater gekümmert, übrigens genau der Mensch, der keinen Schwulen Sohn wollte und mich nach meinen Outing rausgeschmissen hat und mir schon als Kind gesagt hat, dass es ein Fehler war mich zu zeugen. Vielleicht merkt jetzt der ein oder andere, der mich eine Zeitlang begleitet hat, wieso ich so war und ich mit ganz anderen Dingen als der Schule zu kämpfen hatte. Oder warum ich eben fast nie in der Schule war. Irgendwie zu überleben und um die Liebe meines Vaters zu kämpfen, der sie definitiv nicht verdient hat, war wichtiger als die Schule. Ich lebte in einer ganz anderen Welt, aber auch meine Mitschüler haben sich einen Scheiß für mich interessiert. Man gewöhnt sich irgendwann daran immer der ”Außenseiter” oder das ”Opfer” zu sein nach meinem Outing kam dann noch ”Schwuchtel” dazu. Ich wusste also auch, dass ich in meiner Schulzeit allein zurecht kommen musste. Ich wusste das aber meine Mitschüler nicht. Die Lehrer hat es auch nicht wirklich interessiert, gut ich bin damit jetzt auch nicht Hausieren gegangen.

Es hat jahrelang so weh getan alles ohne ”Familie” durchmachen zu müssen. Bei Abschlüssen hat immerhin die meisten ihre Familien dabei, ich nicht. Bei Geburtstagen hatte die meisten ihre Familie dabei, ich nicht. In den schlimmsten Phasen ihres Lebens haben viele Menschen ihre Familien bei sich.. Ich musste durch die schlimmsten Zeiten, an denen meine ”Familie” schuld war ebenfalls alleine durch. Warum habe ich wohl öfter Klassen wiederholt als andere? Weil ich mich nicht so frei entwickeln konnte. Ich hatte nie die Unterstützung, wie viele andere Kinder. Ich durfte mich nie ausprobieren, wie die anderen. Mir hat niemand das Gefühl von Sicherheit gegeben also lebte ich in ständiger Angst. All das wussten die anderen aber nicht. Hat sie aber nicht davon abgehalten mich fertig zu machen anstatt mal den Mut zu haben und nachzufragen was denn los sei, aber auch Jahre später kam nie mal ein ”Sorry” oder der Gleichen. Jetzt wäre es mir eh egal. Keine Ahnung was passiert wäre, wenn ich den Suizidgedanken, die ich als Kind hatte nachgegeben hätte. Hättet ihr damit Leben können mich auf dem Gewissen gehabt zu haben? Denkt einfach mal vorher darüber nach welche Auswirkungen euer Scheiß Verhalten bei anderen Menschen auslösen kann. Danke.

Aber warum habe ich denn nun eigentlich mit der letzten Person aus meiner ”Familie” gebrochen? Weil dieser Schritt schon längst überfällig war aber was das Fass endgültig zum überlaufen gebracht war, dass diese Person aufgrund ihrer Schwangerschaft versuchen wollte plötzlich eine Familie zu erzwingen, die es nie gab und das hat mich so verletzt, weil es auf einmal klappen musste? Weil sie es so wollte? Okay sie ist gewohnt, dass alle machen was sie will aber mir ging das eindeutig zu weit. Ich konnte aber endlich ehrlich zu mir selbst sein und musste mir eingestehen, dass ich mit diesem Menschen längst abgeschlossen habe aber trotzdem dachte ich müsste festhalten und genau hier kommen wir zum Punkt.. Nein Familie heißt nicht, dass du mit den Menschen zu tun haben musste, die nie für Dich da waren und die Dich in deinen schlimmsten Stunden alleine gelassen haben. Die jahrelang nur das nötigste für den Kontakt getan haben und dir dann Vorwürfe machen. Viel zu lange habe ich mir das Gefallen lassen, weil ich dachte ich müsste an der letzten Person aus meiner ”Familie” festhalten. Absoluter Bullshit. Genau diese Erkenntnis hat mir auf einmal so viel Druck genommen und mir wurde klar, dass ich das tun darf, was mich für mich das richtige ist. Ich bin dieser ”Familie” die es eh nie gab nichts mehr schuldig.